Berichte
Mehrseillängen-Kletterweekend Engelhörner, mit Bergführerin Carla Heule
«Drei Tage anspruchsvolle Mehrseillängen in den ikonischen Engelhörnern im Berner Oberland – diesen Klettertraum wollen wir erleben, begleitet von Bergführerin Carla Heule. Wir erkunden die bizarren Kalknadeln oberhalb Rosenlaui von der Engelhornhütte aus. Verschiedene Gipfel und Türme bieten sich als Kletterziele an, zum Beispiel Klein Simeler, Gross Simeler oder Rosenlauistock. Die Routen sind teilweise lang und anspruchsvoll: Kletterniveau 6a am Fels ist daher Voraussetzung, sowie die Ausdauer und Power, um pro Tag 10 bis 14 Seillängen zu klettern. Als Belohnung warten ausgesetzte Felsspitzen und einzigartige Erlebnisse.»
So stand es in der Ausschreibung, verfasst ziemlich genau vor einem Jahr. Die Chance, dass wir Ende September wirklich dieses Tourenziel begehen können, schätzte ich damals als deutlich unter 50% ein – aber versuchen kann man es ja!
Nach einigen, teilweise leider noch recht kurzfristigen Abmeldungen, blieb bloss eine 4er-Grupper kletterstarker Damen, inklusive Bergführerin Carla Heule. Wir wurden aber dafür umso reicher belohnt – mit absolutem Kaiserwetter, tollen Touren und einem Ambiente, dass eindrücklicher ist als in den kühnsten Träumen!
Nach Anreise und Zustieg zur Engelhornhütte nahmen wir am ersten Tag den Tatzelwurm und im Anschluss die Route Schneewittchen am Klein Simeler in Angriff, um zu prüfen, wie wir mit den hart bewerteten 6a in diesem Gebiet zurechtkommen. Wir kamen zurecht und gaben in starken Vorstiegen unseren Damen-Egos den nötigen Boost für den nächsten Tag.
Am Samstag traten wir die Route Dock 21 am Gross Simeler an. Nur schon der Zustieg, mit Kletterpassagen im Bereich 4c durch einen engen Schlund und anschliessend viel alpinem Gehgelände war ein Erlebnis. Dann folgten acht ziemlich steile Seillängen in rauem Kalk, bis zum (sehr hart bewerteten!) Grad 6a+. Wir packten es alle und standen einige Stunden später bei stahlblauem Himmel und bester Aussicht auf dem Gross Simeler, einer dieser abweisenden Felszacken, auf die man definitiv nur kletternd kommt! Der Abstieg mit viel Abseilen und dazwischen immer wieder steilem Gehgelände forderte unsere Konzentration nochmals voll. Nach einer 10-stündigen Tour waren wir müde, aber sehr zufrieden zurück bei der Hütte. Für mich persönlich wohl eines meiner Top-10-Klettererlebnisse überhaupt – und ja, das will wirklich etwas heissen…
Für Sonntag war eigentlich nochmals trockenes Wetter angesagt und wir wollten den Rosenlauistock in 13 einfacheren Seillängen über die Nordwestflanke besteigen. Aber, was ist denn das? Tropfen in der dritten Seillänge – in der vierten hat es uns komplett verregnet. Fels nass, Seile nass, wir nass – alles nass! Da die Aussichten auf rasche Trocknung leider sehr beschränkt waren und der Abstieg bei nassen Verhältnissen sehr heikel wäre, siegte die Vernunft und wir seilten ab, solange wir noch konnten. Immerhin war so heute der Aprikosenkuchen in der Hütte an diesem Tag noch nicht ausverkauft – und mit verschiedenen Seiltechnikübungen wie improvisiertem Abseilen, Mogeltricks und Flaschenzugvarianten profitierten wir dennoch viel vom Knowhow unserer Bergführern Carla Heule, die uns in diesen Tag sehr umsichtig führte und uns zum Schluss ein grosses Kränzchen für unsere Leistung wand. Ja, wir dürfen tatsächlich ein wenig stolz sein!
Ein herzliches Dankeschön an alle, die dabei waren und damit zu einem unvergesslichen Kletterwochenende an einem ganz besonderen, geschichtsträchtigen und vor allem ergreifenden Ort beigetragen haben! Der Engelhörner-Traum ist tatsächlich wahr geworden – wir kommen definitiv wieder!!!
Kathrin Senn
